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| ![]() Kardinal Tarcisio Bertone |
Requiem für Chiara Lubich
Die Predigt vom zweiten Mann im Vatikan, Staatssekretär Kardinal Tarcisio Bertone, beeindruckte durch ihre Herzlichkeit und Offenheit. Der Kardinal zeigte sich als Mensch, der persönlich von Chiara Lubichs Spiritualität berührt war.
in der ersten Lesung wurde uns noch einmal die bekannte Stelle aus dem Buch Hiob zur Meditation vorgetragen. Der Gerechte, der hart geprüft wird, ruft, ja schreit hinaus: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt... ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen“ . Wenn wir jetzt Chiara Lubich den letzten Gruß entbieten, so rufen in uns die Worte des heiligen Ijob die Erinnerung an den brennenden Wunsch Chiaras nach der Begegnung mit Christus wach. Er hatte ihr ganzes Leben geprägt, und in besonderer Weise die letzten Monate und Tage, als ihre Krankheit immer schlimmer wurde. Dieser schrittweise Aufstieg auf den Kalvarienberg verbrauchte ihre letzten Kräfte und endete mit der sanften Rückkehr in den Schoss des Vaters.
Begleitet von den Gebeten und der Zuneigung aller, die ihr nahestanden, ging Chiara den letzten Abschnitt ihres irdischen Pilgerwegs. Mit schwacher Stimme, aber entschieden, sagte sie inmitten der Nacht ihr letztes „Ja“ zu ihrem mystischen Bräutigam, dem „verlassenen und auferstandenen“ Jesus. Jetzt ist wirklich alles vollendet: der Traum vom Anfang ist Wirklichkeit geworden, die leidenschaftliche Sehnsucht erfüllt. Chiara begegnet dem, den sie geliebt hat, ohne ihn zu sehen, und voll Freude kann sie jetzt ausrufen: „Ja, mein Erlöser lebt“.
Ihr Leben war ein Lobgesang auf die Liebe Gottes
Die Nachricht von ihrem Tod hat unter Tausenden von Männern und Frauen der fünf Kontinente und aller Bereiche Trauer hervorgerufen, unter Gläubigen und Nichtglaubenden, Mächtigen und Armen. Benedikt XVI. der sofort seinen trostspendenden Segen geschickt hat, erneuert jetzt durch mich die Versicherung seiner Anteilnahme am großen Schmerz Chiaras geistlicher Familie.
Vertreter anderer christlicher Kirchen und verschiedener Religionen haben sich in die Schar derer eingereiht, die mit großer Wertschätzung Anteil nehmen. Auch die Medien haben das Wirken Chiara Lubichs ins Licht gerückt: Sie hat die Liebe des Evangeliums unter Menschen der unterschiedlichsten Kulturen, Glaubensüberzeugungen und Bildung verbreitet. Wir können zu Recht sagen: Ihr Leben war ein Lobgesang auf die Liebe Gottes, auf Gott, der Liebe ist.
„Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ Wie oft hat Chiara diese Worte meditiert, und wie oft hat sie sie in ihren Schriften aufgegriffen, so zum Beispiel in ihren Kommentaren zum „Wort des Lebens“, aus denen Hunderttausende von Menschen für ihr geistliches Leben geschöpft haben! Es gibt keinen anderen Weg, um Gott zu erkennen oder um der menschlichen Existenz Sinn und Wert zu geben. Nur die Liebe, die göttliche Liebe macht uns fähig, Liebe hervorzubringen, ja sogar die Feinde zu lieben. Das ist die Neuheit des Christentums, das ist das ganze Evangelium.
Aber wie die Liebe leben? Beim letzten Abendmahl, bei dem bewegenden Abschied von den Aposteln, betet Jesus: „Alle sollen eins sein“. Es ist also das Gebet Christi, das zu allen Zeiten seine Freunde trägt. Es ist sein Geist, der in der Kirche Zeugen des lebendigen Evangeliums hervorbringt. Es ist der lebendige Gott, der uns in den Stunden der Traurigkeit und des Zweifels, der Schwierigkeit und des Schmerzes führt. Wer sich ihm anvertraut, fürchtet nichts, weder die Anstrengung bei der Fahrt durch stürmische Meere, noch Hindernisse oder Widerstände jeder Art. Wer sein Haus auf Christus baut, baut auf dem Fels der Liebe, der alles trägt, alles überwindet, alles besiegt.
Leuchtende Sterne
Das 20. Jahrhundert ist von leuchtenden Sternen dieser göttlichen Liebe übersät. Es wird daher nicht allein wegen der wundervollen Fortschritte in Technik und Wissenschaft in Erinnerung bleiben oder wegen der wirtschaftlichen Entwicklungen. Letztere haben ja die Ungerechtigkeit bei der Verteilung der Rohstoffquellen und der Güter unter den Völkern nicht beseitigt, sondern sie sogar noch verschärft. Bemerkenswert werden auch nicht nur die vielfältigen Friedensbemühungen bleiben; sie haben schreckliche Verbrechen gegen die Menschheit, Konflikte und Kriege, die nicht aufhören, weite Regionen der Welt mit Blut zu tränken, nicht verhindern können. Obwohl das vergangene Jahrhundert von vielen Gegensätzen gekennzeichnet ist, ist es doch das Jahrhundert, in dem Gott viele heroische Männer und Frauen erweckt hat. Sie linderten die Schmerzen der Kranken und Leidenden, sie nahmen das Los der Kleinen, Armen und Verstossenen auf sich. Gleichzeitig aber teilten sie das Brot der Liebe aus, das die Herzen heilt, den Verstand für die Wahrheit öffnet, sowie Vertrauen und Mut denen schenkt, die Gewalt, Ungerechtigkeit oder Sünde gebrochen hat. Einige dieser Pioniere der Nächstenliebe hat die Kirche als Heilige oder Selige anerkannt: Don Guanella, Don Orione, Don Calabria, Mutter Theresa von Kalkutta und andere.
Es war auch das Jahrhundert, in dem neue kirchliche Bewegungen entstanden sind. Chiara Lubich findet in diesem Kreis ihren Platz. Ihr Charisma ist einzigartig und bringt Arten und Aktionen des Apostolats hervor, die sich von anderen klar unterscheiden. Die Gründerin der Fokolar-Bewegung schaffte keine sozialen Einrichtungen oder Projekte zur Entwicklungshilfe; still und bescheiden kümmert sie sich darum, das Feuer der Liebe Gottes in den Herzen zu entzünden. Sie bringt Menschen hervor, die selbst Liebe sind, die das Charisma der Einheit und die Gemeinschaft mit Gott und den Nächsten leben; Menschen, die „die Liebe – Einheit“ verbreiten, indem sie aus sich selbst, ihren Wohnungen, ihrem Arbeitsplatz ein „Fokolar“ machen, wo die göttliche Liebe brennt, ansteckt und um sich greift. Dazu ist jeder in der Lage, denn das Evangelium ist für alle da: Bischöfe und Priester, Kinder, Jugendliche und Erwachsene, gottgeweihte Menschen und Laien, Eheleute, Familien und Gemeinschaften. Alle sind dazu berufen, das Ideal der Einheit zu leben: „Alle sollen eins sein“. In ihrem letzten Interview, es ist in den Tagen ihres Todeskampfes erschienen, stellt Chiara fest, dass „das Wunder der gegenseitigen Liebe der vitale Lebenssaft des mystischen Leibes Christi“ ist.
Die Revolution des Evangeliums
Die Fokolar-Bewegung bemüht sich, das Evangelium zu leben. Das ist „die mächtigste und wirkungsvollste soziale Revolution“. Aus ihr entstehen die „Familienbewegung“ und die „Bewegung für eine neue Gesellschaft“, der Verlag Neue Stadt, die Modellsiedlungen wie Loppiano und andere, die in den verschiedenen Kontinenten Zeugnis geben. Ferner enthält sie die Zweige von Laien, wie die „Freiwilligen Gottes“. Im Klima der Erneuerung, die durch das Pontifikat des seligen Johannes XXIII. und durch das Zweite Vatikanische Konzil ausgelöst wurden, fand die mutige ökumenische Öffnung der Fokolar-Bewegung und das Bemühen um den Dialog mit den Religionen fruchtbaren Boden. In den Jahren des Jugendprotestes hat die Gen-Bewegung Tausende und Abertausende Jugendliche angezogen und viele für das Ideal der evangeliumsgemäßen Liebe fasziniert; später hat sie ihren Aktionsradius durch die Bewegung „Jugend für eine geeinte Welt“ ausgeweitet. Den Vorschlag, das Evangelium ohne Abstriche zu leben, machte Chiara auch den Kindern, für die sie die Bewegung „Jungen und Mädchen für eine geeinte Welt“ gegründet hat. Um etwas gegen die Not derjenigen zu tun, die am Rand der Großstädte leben, hat sie in Brasilien das Projekt „Wirtschaft in Gemeinschaft in Freiheit“ ins Leben gerufen. Sie gab den Anstoss zu einer neuen Wirtschaftstheorie und –praxis, die auf der Geschwisterlichkeit beruht und eine Entwicklung ermöglicht, die zum Nutzen aller ist. Gebe der Herr, dass viele Wirtschaftswissenschaftler und Wirtschaftsfachleute die „Wirtschaft in Gemeinschaft“ als eine ernst zu nehmende Möglichkeit erkennen, um eine neue Weltwirtschaftsordnung zu entwerfen. Es gäbe noch manch anderes zu erwähnen: zum Beispiel die vielen Begegnungen mit Vertretern verschiedener Religionen, hohen Politikern und aus dem Bereich der Kultur.
Nichts als Evangelium
Mariapoli, Stadt Mariens, wollte sie die Sommertreffen und den Entwurf einer durch die Liebe des Evangeliums erneuerten Gesellschaft nennen. Warum Stadt Mariens! Weil für Chiara Maria „der wertvollste Schlüssel ist, der den Zugang zum Evangelium öffnet“. Vielleicht war sie gerade deshalb in der Lage, in der Kirche auf wirkungsvolle und konstruktive Weise das „marianische Profil“ aufzuzeigen. Und sie entschloss sich, Maria ihr Werk anzuvertrauen, indem sie ihm ihren Namen gab: „Werk Mariens“. Das Werk wird also, sagte Chiara, „wie eine andere Maria“ auf der Erde bleiben: ganz Evangelium, nichts anderes als Evangelium.
Liebe Brüder und Schwestern, setzen wir nun die Eucharistiefeier fort. Bringen wir unseren Dank an Gott zum Altar: den Dank für das Zeugnis, das uns unsere Schwester in Christus hinterlassen hat, und für ihre prophetischen Intuitionen, die den großen Veränderungen der Geschichte und den außergewöhnlichen Ereignissen, die die Kirche im 20. Jahrhundert erlebt hat, vorausgegangen sind und sie vorbereitet haben. Unser Dank vereint sich mit dem Dank von Chiara. Im Bewusstsein der vielen Gaben und Gnaden, die sie erhalten hatte, sagte Chiara: wenn sie einmal vor Gott erscheinen werde, und er sie nach ihrem Namen frage, möchte sie antworten können: „Mein Name ist DANKE. Danke Herr, für alles und für immer.“
Uns, vor allem ihren geistlichen Kindern, kommt die Aufgabe zu, den von ihr begonnenen Auftrag weiterzuführen. Vom Himmel aus, wo wir denken, dass sie von Jesus, ihrem Bräutigam empfangen wurde, wird sie uns begleiten und uns helfen. Wenn wir uns heute von ihr verabschieden, wollen wir aus ihrem Mund die Worte hören, die sie gerne wiederholte: „Ich möchte, dass das Werk Mariens am Ende der Zeiten, wenn es geschlossen darauf wartet, vor dem verlassenen und auferstandenen Jesus zu erscheinen, ihm sagen kann – und hier machte sie sich die Worte des belgischen Theologen Jacques Leclercq zu eigen – ‚... mein Gott, ich komme zu dir... und bringe dir die Welt auf meinen Armen‘“. Das ist der Traum von Chiara. Das sei auch unsere unablässige Sehnsucht: „Vater, alle sollen eins sein, damit die Welt glaubt.“ Amen!
Übersetzung: Gertraud Budig und Severin Schmid
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