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| ![]() Frei - Wie Gott gemeinsames Beten und Ringen erhört. ![]() |
Serie: Gemeinschaft vor Ort (3)
Ein IKRK-Mitarbeiter ist in Geiselhaft. Die Menschen seiner Wohngemeinde sind hilflos und ohnmächtig. Doch Mitfühlen heisst auch Handeln. Was in Lenzburg vor einem Jahr geschah:
Mitte Januar 2009 teilten die Medien mit, dass drei IKRK-Mitarbeiter von islamischen Rebellen auf der philippinischen Insel Jolo als Geiseln gefangen gehalten werden. Es waren eine Philippinin, der Italiener Eugenio Vagni und der 38-jährige Schweizer Andreas Notter aus Lenzburg, meiner Wohngemeinde.
Diese Tragödie machte mich sofort sehr betroffen, kenne ich doch seine Familie schon viele Jahre. Andreas Notter und sein Bruder Peter besuchten dieselben Schulklassen wie unsere beiden Töchter. Frau Notter, die Mutter von Andreas, und ich trafen uns früher sporadisch bei gemeinsamen Aktivitäten in Schule und Gemeinde. Noch heute tauschen wir ein paar Worte aus, wenn wir uns begegnen.
Das Schicksal der Familie Notter belastete mich immer mehr, je länger die Geiselhaft andauerte. In unserer Familie spürte ich, dass alle mitleiden, gleichzeitig aber hilflos sind. In meinem persönlichen Beten für das Anliegen fühlte ich mich einsam. Eines Tages trug ich das was mich im Herzen bewegte, in meine Frauengruppe. Wir treffen uns jede Woche, um unser Leben zu teilen und im Licht von Jesus unter uns Kraft zu schöpfen. Auch diesmal bekam ich neuen Mut. Ich fühlte mich innerlich gedrängt, Frau Notter einen persönlichen Brief zu schreiben, um ihr mein Mitgefühl auszudrücken.
Den Himmel bestürmt
Nach einem Samstagabendgottesdienst Mitte Februar suchte ich mit unserem Pfarrer das Gespräch. Er zeigte sich überrascht, ja bestürzt von der Nachricht. Er hatte von dieser Geiselhaft wenig bis nichts mitbekommen. Ich schilderte ihm mein Anliegen, dass die Kirche aktiv werden sollte. Ich dachte an einen gemeinsamen Bittgottesdienst mit den reformierten Mitchristen, da Andreas dort seine religiösen Wurzeln hat. Unser Pfarrer reagierte sehr positiv und bat mich für den Sonntagsgottesdienst eine Fürbitte zu formulieren. Seither fügten unsere beiden Seelsorger in allen Sonntags- und Werktagsgottesdiensten stets ein Bittgebet ein für eine humane Befreiung der drei Geiseln und für die Familie Notter. Als die Geiselsituation noch prekärer wurde und die Entführer Mitte März mit der Enthauptung einer der Geiseln drohten, bereiteten die reformierte Pfarrerin und unser Pfarrer innert zwei Tagen einen ökumenischen Bittgottesdienst in der reformierten Stadtkirche vor. Gläubige verschiedenster Konfessionen füllten die ganze Kirche. Mit innigen Gebeten, dem öfteren Wiederholen der vollen Namen der drei Geiseln wurde der Himmel regelrecht bestürmt. Selbst der Stadtammann stieg auf die Kanzel. Anschliessend nahmen alle mit brennenden Kerzen oder mit Fackeln an einem Schweigemarsch durch die kalten und dunklen Gassen teil. Man grüsste sich still. Auf jedem Gesicht war der Ernst der Sache ablesbar. Ich war zutiefst beeindruckt ob der gelebten Solidarität. Im Herzen war ich erleichtert, diese Sorge, ja diese gemeinsame Sorge unserer ganzen kleinen Stadt, mit so vielen Lenzburgern teilen zu können und gemeinsam vor Gott zu tragen. In Gedanken versunken zeigte sich mir der enorme Wert jahrelangen Zusammenlebens einer politischen Gemeinde und den beiden Kirchgemeinden. Jede gelebte Beziehung erhielt Gewicht und ein Gesicht und kam auf wunderbare Weise zum Tragen.
Frei
Andreas Notter kam am 18. April frei, frei zur grossen Erleichterung der Familie Notter, unserem Städtli und der Schweiz. Auch ich richte seither noch des öftern einen tiefen Dank zum Himmel. Ich spüre einmal mehr in meinem Leben wie Gott gemeinsames Beten und Ringen greifbar erhört.
Andreas Notter selbst erzählte später in einem beeindruckenden Gespräch, dass an jenem Tag, als die drei Geiseln das erste Mal das „Vater unser“ gemeinsam gebetet hätten, am Abend die philippinische Frau freigelassen wurde.


